Palomita und der Klezmer

Tango als World Music: Das Sureste Tango Trio in der

Freizeitstätte Garath

 

Von Elisabeth Grün

 

Sie denken beim Tango an melancholisch-sehnsüchtige

Bandoneonklänge?

Dann lassen Sie sich mal vom Sureste Tango Trio

mittels Astor Piazzollas farbigen Kompositionen die

Historie des Tango erzählen: vom fröhlichen "Bordell

1900", vom "Café 1930", in das mit den Menschen ihre

vielen Geschichten eintreten, und vom "Night Club

1960", wo der dumpfe Schummer der Klarinette Vorhänge

entblättert.

 

"Dass kein falscher Eindruck entsteht!" greift der

polnische Klarinettist und Saxophonist Wietek Kornacki

ein - "Es geht bei allem um das Gleiche: den Tango!"

Und der ist "fast so eine Musik wie Jazz", so

vielseitig und bildreich. Da kommt auf geradezu

spitzen Sohlen - Pianissimo der höchsten

Klarinettentöne - die "Palomita blanca" herein, wagt

dann einen flotten ¾-Tanzschritt, wirbelt kockett um

die eigene Achse und lockt einen Tänzer aus der Gruppe

zu einem etwas behäbigeren Bass-Solo. Soweit die

"klassische" Seite des Tango.

 

Bei "Sureste" schwingt mehr mit, der Süden (sur) und

der Osten (este) gleichermaßen.

 Der Spanier Angel

García spielt an der akustischen Gitarre - nicht am

Bandoneon - virtuos den Part des Akkordinstruments,

und sein Stil ist deutlich vom Flamenco beeinflusst.

Davon zeugt seine wunderbare Hommage an den Tango,

"Temblor": zwischen Gitarre und Kontrabass

synkopisches Rhythmusspiel, spanisch verziert, ein

Klangteppich zum orientalischen Abheben fürs Saxophon.

Witek Kornacki den hinterhältig-besinnlichen

Conférencier voller östlicher Chuzpe, jazzt am

Sopransaxophon oder jiddelt auf der Klarinette den

alten Klezmer-Tango "Ich hob dich zufil lib".

 

Eine neue Art Tango also? Ja und nein: Die heute eher

atypische Besetzung ist historisch; ursprünglich war

die Gitarre statt des Bandoneon das Begleitinstrument,

wie auf frühen Aufnahmen von Carlos Gardel noch zu

hören. Aber deshalb und weil die drei Musiker ihren

Tango emotional als Begegnung verschiedener Kulturen

zelebrieren (und inszenieren), sind sie näher an

dessen schlagendem Puls als der glatte, einstudierte

Kult. Gleichwohl ist das Klassische - verwandelt -

herauszuhören, etwa in Piazzollas Abschied vom Vater,

"Adios Nonino", hier in hochkultivierter Transparenz

dargebracht, oder eben in der Ekstase der Zugabe, dem

schnellen, stimmungsvollen "Libertango". - "Wir alle

brauchen Kunst, Bilder, Musik. Wir sind verletzlich,

eigentlich einsame Menschen ... Soledad." Ach ... ,

der Tango.

 

CD "Soledad" bei International Music Company, Tel:

040-6699160