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Mittwoch, 27., Februar 2002 - Windisch Aargauer Zeitung
Brugg-Windisch
der Kulturkreis Windisch ist mit einem ganz besonderen Anlass in die neue Saison gestartet :
drei Vollblutmusiker kamen in der Bossartschüür auf die Bühne, um zu beweisen, dass Buenos Aires gleich um die Ecke liegt.
Sureste heißt übersetzt "Südosten". Was auf den ersten Blick als ein ungewöhnlicher Name für ein Trio erscheint, macht sofort Sinn, wenn man die Herkunft der einzelnen Musiker kennt. Angel Garcia Arnés an der Gitarre stammt aus Spanien, also aus dem Süden. Witek Kornacki, Klarinette in Polen geboren, kommt also aus dem Osten. Dann ist schon viel über die Formation gesagt. Sureste ist nicht zuletzt auch deshalb spannend, weil hier zwei - musikalisch unterschiedliche - Kulturen zu etwas Neuem verschmelzen. Was die vermeintlichen Gegensätze zusammen hält, ist eine langjährige Freundschaft und die Liebe zum Tango. Den spielt das Trio in einer sehr ungewöhnlichen Besetzung, nämlich ohne Geige und ohne das legendäre Bandoneon. Genügen Gitarre, Klarinette und Kontrabass, um dem unverwechselbare "Sound" dieses Musikstil aufzubauen? Sie genügen offenbar vollauf.
"Sureste" Beweis es bei einem Konzerten immer wieder eindrücklich aufs Neue.
Von Hamburg nach Windisch für ein einziges Konzert
Angel Garcia Arnés ist Arrangeur und Gitarrist von "Sureste" zugleich. Er verkörpert, quasi das iberische Element, welches auch in Tango seinen festen Platz hat. Arnés Spiel ist sehr facettenreich, nuanciert und voller Engagement. Der Pole beherrscht mit dem mächtigen Instrument nur schon rein optisch die Bühne. Die Finger gleiten traumwandlerisch sicher über die Saiten, und er ist immer für eine kleine Überraschung oder ein Solo gut. Schließlich noch Witek Kornacki mit der Klarinette. Er ist so etwas wie ein musikalischer Kosmopolit. Seine Wurzeln liegen in der Klassik. Dieses Fundament ist unüberhörbar. Daneben fühlt er sich in Klezmer und in Jazz zu Hause. Der Tango hat es ihm ganz speziell angetan. An ihm liebt er vor allem die starke emotionale Seite. Kornacki lebt in Mülligen, hatte also in Windisch fast ein Heimspiel. Schon etwas weiter weg wohnen da die beiden anderen Mitspieler Arnés reist - für dies eine Konzert - extra aus Hamburg an. Hut ab von solchen Idealismus, wenn man zu dem bedenkt, dass nun mal knapp 30 Zuhörer in der Bossartschüür anwesend waren. Das Trio nahm es gelassen. Die drei Wissen offenbar, dass sie mit ihrer Musik nicht gerade im genannten Mainstream mitschwimmen. Auch das gehört wohl zum Tango.
Wie alle Musikrichtungen hat der Tango seine uhreigene Geschichte. Und die ließ sich ziemlich abenteuerlich. Als Tanzmusik in den Einwanderer-Vierteln Buenos Aires entstanden, wurde er nicht gerade in noblen Etablissements geboren. Die oftmals schwermütige Musik beschreibt denn auch das Elend überfüllten Mietkasernen, Liebesummer, Schmerz und Existenzängste. Daneben hat der Tango aber auch seine fröhliche und ausgelassene Seite. Auf den Punkt gebracht: Tango ist eine Musik, die das Leben schrieb.
Die Originalbesetzung bestand damals aus Gitarre, Flöte und Geige. Alles sehr leichte Instrumente, die eine Flucht von der Bühne nicht allzusehr behinderte. Tumulte und Schlägereien waren nämlich an der Tagesordnung. Der Kontrabass von wäre wohl in jenem stürmischen Zeiten nicht lange heil geblieben.
Als „hochansteckende Krankheit“ trat der Tango zu einem beeindruckenden Sieg um den Globus an. Anfang des 20. Jahrhunderts wurde der erotische Tanz in Europa salonfällig und fühlte-etwa in Paris oder in anderen Metropolen- vierstöckige Tanzlokale. Im Wilhelminischen Deutschland schlug er so hohe Wellen dass der König seinen Offizieren den Tanz verbot. Sogar der Papst ließ sich ein Tango persönlich vorführen, um sich über die zahlreichen Klagen, die bei ihm eingegangen waren, selber ein Bild zu machen.
Das Trio „Sureste“ spielte bei seinem Konzert nicht unbedingt jenen wilden „Tanzmusik – Tango“. Dafür tauchten in der Repertoire immer wieder Stücke des Komponisten Astor Piazzolla auf. Dies kam nicht von ungefähr. Witek Kornacki betonte „Piazzolla hat den Tango zur Kunstform erhoben. Dank ihm und seinen Arrangements sind uns die Transparenz und die Sinnlichkeit dieser fantastischen Musik erhalten geblieben. Ein schönes Beispiel dafür war die Präsentation jenes Stückes das Piazzolla zum Tod seines eigenen Vaters geschrieben hatte. Das Publikum wagte dabei kaum noch zu atmen. Was für eine einfühlsame ja fast schon mitleidende Melodie. Kompositionen mit Namen wie „ Night Club“«, Kaffee“ oder „Das Mädchen“ sorgten danach rasch wieder für Stimmung. Die war am Schluss so gut, dass gleich mehrere Zugaben herausgeklatscht wurden. Diejenigen, die Sureste live miterlebt haben, werden einen ganz besonderen Abend in Erinnerung behalten. (ker)