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KONZERT / Das
"Sureste"-Trio in der Reutlinger ZelleSelige Sehnsucht - Tango heißt
nach wie vor "ich berühre"Nachdenklich oder jubilierend: Das
"Sureste Tango Trio" brillierte am Freitag auf allen Ebenen. Die
Combo bot ein für die Zelle ungewöhnliches Repertoire.JÜRGEN SPIESS
REUTLINGEN Wer das Wort "Tango" hört, denkt an den klassischen Macho,
der herrischen Blicks eine sinnliche Schönheit übers Parkett schiebt. Oder an
ein Bandoneon, das den Takt einer melancholischen Melodie vorgibt. Doch wenn
Musiker Witek Kornacki (Klarinette) und
Angel Garcia Arnés (Gitarre) auf der Bühne stehen, dann zerbricht jedes
Vorurteil. Wenn sich das in der Schweiz beheimatete Trio diese merkwürdige
Mischung aus seliger Virtuosität und selbstvergessener Ekstase zelebriert, dann
entsteht so etwas wie ein kleiner, musikalischer Liebesakt. Eine Welt voller
Bilder und Träume.
Die Musik dieses Trios, das den Soundtrack zum Kinofilm "Little Tango" lieferte, ist die perfekte Umsetzung purer Sehnsucht (so wie in Astor Piazzollas Stück "Café"), die aus der Einsamkeit kommt und sich langsam vortastet, verweilt, nachspürt, sich treiben lässt. Die Musik pendelt zwischen inneren Bildern selbstbezogener Phantasie und dem Sog der Synthese, die aus der Begegnung entsteht. Doch wenn die Gemeinsamkeit an eine fast schmerzvolle Grenze gerät, löst das Trio die Struktur unvermittelt auf und nimmt sich das Recht, wieder in eine eigene Welt der Tango-Nuevo-Melancholie zu sinken: schwebend, nachdenklich, klagend oder jubilierend. Der Umstand, der dieses Konzert zu einem ganz besonderen machte, liegt in der musikalischen Spannkraft dieser Besetzung: Hier der empfindsame, dennoch expressive Gitarrist Angel Garcia Arnés, immer mit klarem, präzisem Konzept für das, was so scheinbar mühelos gespielt wird. Dort der lässige Klarinettist Witek Kornacki, der wie ein gebändigter Gegenspieler wirkt: Immer auf dem Sprung, dem flamenco-inspirierten Gitarristen mit rasanten Improvisationskünsten Paroli zu bieten. Astor Piazzolla hat den Tango zur Kunstmusik gemacht. Das "Sureste Tango Trio" befreit ihn von seinen festen Strukturen. Die Musiker verstehen sich als Puristen des Klangs, nicht des Stils. Sie sind Meister der Reduktion, der Seele des Tangos. Mit virtuosen Läufen, ungeraden Metren und Blue Notes löst sich das Trio von der Tradition, ohne sie zu negieren, und öffnet die Seelenmusik dem Jazz. Witek Kornacki an der Klarinette klingt manchmal, als habe sich Stan Getz dem Tango verschrieben, sein Partner an der Gitarre spielt wie ein argentinischer Egberto Gismonti. Gemeinsam hält man sich an das, was Tango übersetzt bedeutet: "Ich berühre." Zweifellos vereint das "Sureste Tango " klassisches Konzertieren mit fesselndem Groove, artikulatorische Feinheiten mit derbem Spielwitz, Altbewährtes mit Experimenten. Bleibt zu hoffen, dass es in der Zelle zukünftig mehr auch von solch ungewohnt anspruchsvollen Konzerten zu hören