Backnnger Kreiszeitung 24 september 2007

Facettenreiche, virtuose Tango-Geschichte(n)

Trio Sureste Tango bot faszinierende südöstliche Mixtur aus Tango mit Jazz, Klezmer und Flamenco

Murrhardt-Eine faszinierende südöstliche Mixtur aus Tango mit Jazz, Klezmer und Flamenco bot das Trio Sureste Tango mit dem Polen Witek Kornacki (Klarinette,  Sopransaxofon), dem Spanier Angel Garcia Arnes (Gitarre) und dem Deutschen Guido Jäger (Kontrabass) im Heinrich-von-Zügel-Saal.

murrhardt

Ungewöhnliche Besetzung  Trio Sureste Tango

 Foto: E. Klaper

Das TrioSureste (Südost) Tango in der ungewöhnlichen Besetzung mit Klarinette, Gitarre und Kontrabass, die an die Anfange des Tangos Mitte des 19. Jahrhunderts erinnert, besteht seit etwa zehn Jahren. Die drei klassisch ausgebildeten Vollblut-Musiker trafen sich zufällig bei einer Jam Session im Rahmen eines Jazzprojekts in der Schweiz, erzählte Witek Kornacki, der in Zürich lebt. Aus ihrem Interesse für Tango und ähnlichen Meinungen über dessen Interpretation sei zuerst ein gemeinsames Konzert und schließlich die musikalische Zusammenarbeit entstanden. Und durch ihre Bewerbung beim Kulturbüro über das Internet seien sie nach Murrhardt gekommen, so Kornacki. Das Programm, durch das Witek Kornacki humorvoll und mit vielen Erläuterungen führte, war eine facettenreiche und virtuose Erzählung der Tango-Geschichte(n). Dabei interpretierte das Trio mit hoher Emotionalität und musikalischer Kreativität vierzehn Stücke von ganz verschiedenartigem Charakter und bereicherte sie mit typischen Elementen des Jazz. Klezmer und Flamenco. Darunter waren zahlreiche Kompositionen des Altmeisters Astor Piazzolla (1921-1992), der den traditionellen Tango mit Elementen aus Klassik, Jazz und modernen Stilmitteln zum Tango Nuevo weiterentwickelte und zur Kunstform erhob. Die Urform des Tangos sei die Milonga, so Witek Kornacki. Daher gab's zum Auf­takt zwei gegensätzliche Milongas zu hö­ren: Die Milonga 71 (Lito Vitale) war vol­ler rhythmischer Bewegung in schnellem Tempo, verspielt und witzig, die Milonga de Angel (Astor Piazzolla) ernst, schwer­mütig und von tiefen Gefühlen bestimmt. Mit drei Piazzolla-Tangos in traditioneller Form erinnerte das Trio an dessen Entste­hung in Bordellen und Kaffeehäusern mit diversen „Extras“ der argentinischen Hauptstadt Buenos Aires. Swingend und temperamentvoll klang "Tanguedia", pri­ckelnde Erotik und Amüsement war in "Café 1930" spürbar, und die frivole At­mosphäre eines „Freudenhauses“ kam im mitreißenden, ekstatischen „Bordell 1900“ aus der Suite Histoire du Tango“ zum Ausdruck. Contrabachiando“ (Piazzolla) ohne Klarinette war ein leidenschaftliches Duett“ von Gitarre und Bass. In ,,Tem­blor" einer Eigenkomposition von Angel Garcia Arnes, kam das iberische Element im Tango, die hohe Kunst des spanischen Gitarrenspiels, aber auch das rhythmische Feuer des Flamenco zur Geltung. Piazzol­las „Meditango“ mit Jazz und Chromatik war ein gutes Beispiel für den Tango Nue­vo. Eine Überraschung war der melodi­sche, verträumte Tango-Walzer „Palomita Blanca“ (Aieta) mit schnellem, lustigem Abschluss. Im 19. Jahrhundert habe in Ar­gentinien ein Mangel an Kirchenorgeln ge­herrscht, erzählte Witek Kornacki. Des­halb spielten europäische Bandoneonisten bei Gottesdiensten in der Kirche und abends in Lokalen zur Unterhaltung. Daher komponierte Astor Piazzolla „Fuga y Misterio“, einen wie eine Fuge ge­stalteten, stimmungsvollen Tango. Ganz klassisch klang „A Don Agustin Bardi“ (Salgan) mit verspielten, scherzartigen Klarinettenpassagen. Aus dem multikultu­rellen Schmelztiegel Argentiniens ent­stand der Tango. der in den 1930er Jahren in Europa' einen großen Boom erlebte und sogar die Klezmerkapellen beein­flusste. Ein reizvol­les Beispiel dafür war Ich hob dich zu viel lieb“ (Olshanetski), ein schwung­voller Klezmer-Tan­go mit viel Jazz, Da waren die drei Musiker ganz in ihrem Element Anschließend gab’s noch zwei großartige Piazzol­la-Tangos zu hören: Soledad“ eine eindrucksvolle musika­lische Beschreibung der Einsamkeit vol­ler Melancholie, und den bekannten „Libertango“ voller Le­bensfreude und Sinnlichkeit. Es war ein Hochgenuss. die drei Musiker zu er­leben, wie sie sich gegenseitig mit un­bändiger Spielfreu­de und Enthusias­mus zu Höchstleistungen antrieben. Die entzückten Zuhörer honorierten jede Darbietung mit starkem Applaus: So spielte das Trio schließlich noch den vor Erregung vibrierenden Tango „Esqualo“ mit auf den Instrumenten geschlage­nem Rhythmus und witzigen „Geräuschen“ als Zugabe: