21.03.2006
Perfekter Einsatz: Das Sureste Tango Trio auf der Gefühlsachterbahn.

Sureste Tango Trio im Göttinger Apex / Wie im Traum
Das ganze Leben ist Physik. Das behaupten zumindest die Physiker selbst. Rückendeckung bekamen sie am Sonnabend von ungewohnter
Seite. Das Sureste Tango Trio verband bei seinem Konzert im Apex nicht nur klassischen Tango mit unterschiedlichen
Musikrichtungen.
Auch die Parallele der im Tango beschriebenen Gefühle und ihrer Wirkung mit Erkenntnissen der Naturwissenschaft
kam zur Sprache. Aber davon später mehr. Auf das Wesentliche reduziert ist nicht nur die Besetzung des Sureste Tango
Trios: Klarinette (Witek Kornacki), Gitarre (Angel Garcia Arnes) und Kontrabass (Guido Jäger). Auch die Musik des
Trios lässt aus, was den ursprünglichen Tango sonst oft schwülstig macht und mit Klischees verhüllt, bedient sich lieber
zusätzlicher stilistischer Einflüsse. Altmeister Astor Piazzolla, von dessen Stücken das Trio mehrere, teilweise neu
arrangiert, spielte, hatte bereits Einflüsse aus Jazz und klassischer Musik in seine Tangos und Milongas gebracht. Das
Sureste Tango Trio entwickelt diese Ansätze weiter und ergänzt die osteuropäische Tradition des Klezmer ebenso wie
Flamencomotive.
Facetten der Leidenschaft
Tango erzählt in erster Linie Geschichten. Dabei greift er sämtliche Elemente der Gefühlsachterbahn auf. Das Sureste Tango
Trio spielte seine Stücke nicht nur mit ebenso perfektem wie experimentellem Einsatz der Instrumente. Jede Facette der
Leidenschaft von Verlangen und Macht über Spiel und Glück bis hin zu Zurückweisung und Einsamkeit lebt in den Klängen
ihrer Musik auf. Das Tremolo der Klarinette gleicht dem Flattern eines herausfordernden Blickes. Der Bass gibt jeden
Wechsel im Rhythmus des Herzschlags wieder. Ist ein Stück zu Ende, erwacht man aus einem Traum oder einem
Déjà-vu. Auch Eigenkompositionen des Trios gab es zu hören. Bei diesen Stücken sind die Hintergrundgeschichten bekannt.
Etwa beim Thema „Ich hab dich zu viel lieb" des Klarinettisten Kornacki. Gegen seinen Liebeskummer fand er Hilfe im
Gespräch mit einem befreundeten Astrophysiker und der Erkenntnis, dass nicht nur in der Liebe manchmal ein vom
Gegenüber unerwünschtes Zuviel da ist.
Durch ein winziges Zuviel kann im Leben wie in der Physik Gewaltiges angestoßen
werden. Es kann ein ganzes Universum entstehen. Oder aber leidenschaftlich gute Musik.
Isabel Trzeciok