Harmonie der Gegensätze
Von Hannes Hensen
Lutterbeker Astor Piazzolla war der Übervater des "Tango Nuevo", des Neuen Tangos. Eines Tangos der sich nicht mehr unbedingt tanzen lässt, Hafenkaschemmen in Buenos Aires ausgewandert ist in die Konzertsäle der sich mit Bach und dem Jazz neue Paten gesucht hat. An dem 1982 verstorbenen großen Erneuerern und Verwandler kommt keiner vorbei, der heute konzertanten Tango spielt.
Ganz folgerichtig also, dass das Duo Sureste Tango in Lutterbeker sein Programm weit gehend auf Kompositionen des alten Meisters stutzte. Was aber die beiden an Musizirfreude, gibt's und stilistischen Eigenheiten boten, war dann noch eine ganz eigene Musik. In Witek Kornackis Klarinetten und Saxophon und Angel Garcia Arnés Gitarrenspiel schneiden sich zwei musikalische Linien. Kommt die eine vom jazzig befürchteten Klezmer her, so die andere von einem Flamenco, der die Neuerungen eines Paco de Lucia und die spanische Gitarrenklassik freudig aufgenommen hat. Ein Crossover, das nur theoretisch nicht recht aufgehen will das Christen beider Läger verstören dürfte, dass aber das Publikum im Lutterbeker zu heftigen Beifall animierte.
Die weinenden, schreienden, jubelnden Töne, die manchmal ins Atonale und in den Free Jazz driftenden Melodielinien von Klarinette und Saxophon verbanden sich ohne Rückstände und mit verblüffender Leichtigkeit mit einem durchgeistigten Gitarrenspiel, das von Flamenco nimmt was es braucht. Kammer und Volksmusik, Konzertsaal und Rummelplatz zugleich, war das Spiel der beiden Musiker doch unverkennbar Tango. Die Milongas Walzer und eigentlichen Tangos von Astor Piazzolla, Anselmo Ayeta und Horacio Salgan mögen den ursprünglichen " Tango Argentino" weit hinter sich gelassen haben, von einem Wurzel abgeschnitten haben sie ihn nicht. Bei aller Komplexität bei aller kompositorische Freiheit, die ein höheres Maß von musikalischer Integrationskraft voraussetzt, leben in der Musik der beiden ausgefuschten Instrumentalisten doch die jeweiligen Traditionen weiter. Was Bela Bartok für die ungarische Volksmusik getan hat, lassen die beiden Musiker dem Tango angedeihen. Ohne Verkoptheit mit Spielwitz und Freude dargeboten, passten die auch eine Fuge aus der barocken Tradition und eine an Flamenco und spanischer Gitarrenmusik geschulter Komposition Garcia Arnés ins Programm. Man musste nur sehen wie Witek Kornacki sich wie ein gelenkiger Tanzbar auf der Bühne bewegte und seine Melodien lebte, wie Angel Garcia Arnés Ihm mit klassischer Haltung antwortete, um diese Spielfreude zu erkennen einen nicht geringen Anteil am Erfolg des Abends hatte auch die verschmitzte, mit Anekdoten gewürzte Moderation Witek Kornackis
Kieler Nachrichten Dienstag 31 Juli 2007
